15. Dezember

Kerstin Scherr gestaltet Oberflächen auf ganz aufregende Art und Weise. Mich hat fasziniert, wie sauber diese Kreise voneinader abgegrenzt sind. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich fasziniert es immer sehr, wenn Konturen klar zu erkennen sind. Eine hauchdünne schwarze Linie, die ein Muster umschließt macht es so viel sichtbarer, prägnanter manchmal sogar plastischer. Kerstin spielt mit den Linien und “Umrandungen”.

Es drängt sich die Frage auf, wer hier wohl seine Kreise zieht und ob diese Grenzziehung eher künstlerischer Ausdruck, Schutz oder Abgrenzung bedeuten will. Zunächst sind Muster Muster. Zunächst ist ein Kreis ein Kreis und ein Trapez etwas mit 4 Seiten. Doch gerade beim Filzen wird mir das immer wieder bewußt, ohne Linie, ohne Kante kein Muster. Ob diese Abgrenzung unbedingt schwarz sein muss? Nein, muss sie nicht. Doch Abgrenzung gibt dem Auge Halt und hilft bei der Orientierung. Selbst in einem Farbenmeer sind die Übergänge sichtbar und automatisch sucht unser Gehirn die Grenze zwischen den Regenbogenfarben. Auch unsere Haut grenzt uns ab, Kleidung trennt uns von dem Außen. Grenzen sind scheinbar überall im Alltag. Ohne Abgrenzungen auf der Fahrbahn ist Verkehrsteilnehmerinnen nie so ganz wohl, Linien helfen eben “in der Spur” zu bleiben.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir glauben, Grenzen beschützen uns und sicherten unseren eigenen Raum. Ich für meinen Teil ziehe lieber Linien im Filz als Grenzzäune zu bauen.

14. Dezember

Ähnlich und doch nicht gleich, verwandt und doch ganz eigenständig – die beiden Böckchen von Meike Raßbach sehen auf den ersten Blick aus, als seien sie sich nicht grün. Doch das sieht bestimmt nur so aus. Sie stammen nämlich voneinander ab – oder sie sind aus dem gleichen Holz – nein Filz – geschnitzt…

Meike Raßbach hat sich eine uralte Technik zu eigen gemacht und spielt mit neuen Mustern. Das etwas Neues aus Altem entstehen kann, dass wir traditionelle Techniken, Rezepte und Materialien in unsere Zeit holen, vielleicht anpassen oder neu interpretieren, das ist ja wahrlich kein Geheimnis.

Vielleicht berühren mich die beiden Köpfchen deshalb so sehr, weil uns viel zu oft entgeht, dass wir nicht aus der Zeit gefallen sind. Wir stecken im Kontinuum, wir nehmen, ohne es zu registrieren, Worte unserer Großeltern in den Mund, kochen nach Rezepten wie unsere Mütter es taten und sogar unsere Gesten sind ein Erbe unserer Vorfahren. Natürlich ist all das in jedem von uns neu zusammengesetzt, wird unterschiedlich eingesetzt und mit der Zeit werden wir dann selbst zum Anker für die nächste Generation. Wissen, Kenntnisse und Haltungen fallen uns modernen Menschen also nicht in den Schoß, sie haben ihre Wurzeln immer in der Vergangenheit. Ab und zu etwas Bescheidenheit stünde uns deshalb nicht schlecht an.

13. Dezember

Erika Graf zeigt seit vielen Jahren, dass Filzkleidung nicht nur Hülle ist. Die Wolle kann in kundigen Händen fast alles werden – von der Märchenbraut bis zum Ballkleid ist so vieles möglich. Gerade weil der nassgefilzte Handfilz so unendliche Spielräume eröffnet, fiel mir ein Gespräch ein, dass ich vor Kurzem führen durfte. Mir jemand erzählt, dass man beim Filzen jeder Faser Zeit geben muss, sich zu verbinden mit den anderen Fasern. Es sei so ein wenig wie bei uns Menschen. Es gibt scheue und draufgängerische, zaghalte und ruppige Fasern. Doch egal wie, wenn sie sich einmal verbunden haben, dann kann man sie nicht mehr trennen.

Auch wir Menschen brauchen unterschiedlich lange um uns miteinander vertraut zu machen. Dem einen genügt ein gutes Wort, um sich anzuvertrauen, andere suchen lange nach positiven Anzeichen um den Mut für eine Annährung zu fassen. Beziehungen zu begründen ist niemals nur eines Menschen Ding. Wir brauchen das Gegenüber um Verbindung herstellen zu können. Nur so kann Untrennbares entstehen.

12. Dezember

Dagmar Natuschka hat die vier dabei erwischt, wie sie total interessiert auf der Ofenbank sitzen und warten. Auf was warten die Herrschaften eigentlich? Ihr denkt sicher, sie warten aufs Christkind. Tja, ihr Lieben, da müsst ihr noch genau 12 Tage warten. Ihr habt ja noch Glück, ihr sitzt auf dem warmen Ofen und habt einander. Ihr könnt einander Geschichten erzählen, euch an den Händen fassen, miteinander lachen und vielleicht sogar miteinander weinen. Warten will gelernt sein, denn es ist so wichtig heut zu Tage. Wir warten ja nicht nur aufs Christkind, wir warten auf Post, auf der Post, wir warten auf einen Anruf oder eine Antwortmail. Warten muss man oft auch auf Behördentermine und vor allem in Arztpraxen kann man das Warten hervorragend üben. (Hier denk ich manchmal es gehört zum Heilungsvorgang, – wer nicht genug gewartet hat, der kann nicht gesund werden…) Warten scheint wirklich eine Kulturtechnik zu sein, so wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Also jedenfalls wird erwartet, dass du klaglos warten kannst… Ich weiß ja nicht so recht.

Wir warten auch manchmal auf ein Lächeln, auf eine Umarmung oder ein liebes Wort. Wir warten darauf, dass uns ein lieber Mensch anruft und denken im Stillen, wenn wir demjenigen wichtig genug wären, würde er sich sicher melden. Solche Selbst-Verunsicherungen trüben uns den Blick und machen uns so müde. Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen wir ganz viel Einfluss auf die Zeitdauer des Wartens haben, aber in all diesen Fällen schon.

Lächle einfach und ruf an, nimm den Menschen neben Dir in den Arm und sag ein paar freundliche Worte. Du verleihst dem Augenblick Bedeutung – nicht das Warten!

11. Dezember

Anette Prüsse hat dieses farbenprächtige Licht erdacht und umgesetzt. So viel Helligkeit strahlt das fröhliche Filzhaus auch schon ohne Licht im Inneren aus. Es gibt Farben, die leuchten von ganz allein, denkt man. Sie lächeln uns förmlich an und stimmen fröhlich!

Farben haben einen großen Einfluss auf unsere Stimmungen und sie sind nichts ohne Licht. Keine Sorge, ich habe nicht vor „physikalisch“ zu werden, obwohl das bestimmt auch eine spannende Betrachtung wäre. Dennoch finde ich es immer wieder faszinierend, wenn im Sommer die kräftigen Blütenfarben in der Dämmerung mehr und mehr verblassen. Der Garten wird grau und nur die weißen Blüten schaffen es, lange präsent zu bleiben. Auch in der Dunkelheit fällt es uns schwer Farben zu erkennen und nur unser im Sehen ein Leben lang geschultes Auge ordnet Formen Farben zu, die es gar nicht sieht.

Ich hatte das große Glück in diesem Sommer eine Monet-Ausstellung in Potsdam besuchen zu können. Mit Maske und Abstand und daher viel Raum um Schauen zu können. Monet war wie viele seiner Impressionisten-Kollegen auf der Suche nach „dem Licht“ und hat unendlich oft versucht, dem Licht mit Farben gerecht zu werden. Farben verändern sich im Licht und das Licht verändert sich durch die Farbe. Man kann sich den Farbstimmungen nicht entziehen und auch wenn man wenig Ahnung von Kunst hat berühren einen diese Bilder sofort. Sie müssen nicht gefallen aber sie beeindrucken durch ihre wache Art mit Farbe zu spielen.

Es ist doch so, dass wir Lieblingsfarben haben, Farben bestimmten, ob wir uns in einem Raum wohl fühlen oder nicht. Weißes, hartes Licht wirkt eher kalt, klinisch oder geschäftsmäßig – und vor allem unnatürlich. Ein naturweißer Lampenschirm nimmt diesem Licht schon die „Kälte“ und macht den Raum lebendiger, wirkt beruhigend. Sich das richtige Licht für einen Raum auszusuchen ist gar nicht so einfach. Was aber einfach sein kann ist es, ein Licht mit Farbe einzuhüllen, dadurch der eigenen Farbenfreude Ausdruck zu verleihen und diese freudige Empfindung zu konservieren.

So wie Kerzen zur Adventszeit gehören so wirkt eine farbenfröhliche Lichthülle zu jeder Jahreszeit auf die Betrachterin, zaubert Sommerlichtstimmung und hellt auf!