23. Dezember

Ein Islandtroll, wer hätte das gedacht, von Margit Röhm erdacht.

Ein Troll am Tag vor Heilig Abend? Muss das denn sein, so ein wilder, unberechenbarer Kerl. Das fehlt jetzt gerade noch, dass sich so ein Troll ins Haus schleicht und Chaos verbreitet. Vielleicht versteckt er die Geschenke, weil er denkt, es wär Ostern und wir haben dann nix unterm Baum. Vielleicht futtert er den Kühlschrank leer über Nacht oder schreibt Tante Käthe eine SMS, dass sie ausgeladen ist. Vielleicht macht er sich vor dem Haus eine Eisbahn und jemand hat dann morgen ein dickes Knie oder er vertauscht die Gewürze und der Kartoffelsalat schmeckt dann nach Vanille statt nach Pfeffer…

Einer meiner Lieblingsmenschen hat sich eine Kehlkopfentzündung eingefangen. Dafür kann der Troll übrigens gar nichts. Nun musste der Lieblingsmensch zur Ärztin, wir sollen ihn nicht singen lassen, kaum das Sprechen erlauben und ihn mit Medizin füttern. Also, ab zur Apotheke. Soll ich euch was verraten? Ich will lieber zwei solche Trolle im Haus haben, als noch einmal in das Last-Minute-Getümmel einzutauchen. Chaos verbreiten, das können wir so gut selbst, da brauchen wir keine Trolle, zumal ich bezweifle, dass Trolle so schlecht sind wie ihr Ruf.

Vor allem Islandtrolle, die ihre genetische Heimat in der Wolle haben, haben geniale Eigenschaften. Ihre Ursprünge bedeuten nämlich, dass sie die Luft reinigen, den Geruch von Stress und Ärger aus der Atmosphäre waschen, die Herzen erwärmen, sich nicht so einfach die Finger verbrennen, vieles wie Wasser an sich abperlen lassen und sich nicht aufladen lassen. Die Kerle sind biegsam bis anschmiegsam ohne die eigene Form zu verlieren und können gut zuhören. Letzteres liegt wohl eher an Island, dem Land der Stille und weniger an der Wolle.

Was ihr auch immer heute noch vor habt, erfüllt die Luft lieber mit Tannenduft als mit dem Geruch der Hektik. Wärmt euch gegenseitig, damit niemand kalt in die Weihnachtstage gehen muss. Lasst liegen, was sich nach heißem Eisen anfühlt, im neuen Jahr ist dafür noch Zeit genug. Geht lachend in den Regen, denn Tropfen im Haar bedeuten bestimmt Glück – warum auch nicht. Verliert euch nicht im fremden Trubel, jemanden anlächeln ist befreiend auch wenn der andere gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Und sucht euch ein Weihnachtslied zum Zuhören und Mitsingen. Und der da so brummt neben euch, das ist der Troll, der ist schon in Weihnachtsstillestimmung…

20. Dezember

Monika Derrix hat eine Wiege gefilzt.

“Ein Ort der Geborgenheit für das kostbarste Geschenk der Natur” hat die Filzkünstlerin zu ihrer Arbeit dazu geschrieben. Was könnte besser in die Adventszeit passen als der sichere Platz für ein neues Leben.

Die Geburt neuen Lebens ist für mich das größte Wunder, dass uns die Natur schenkt. Alles darum herum läuft immer auf diesen einen Moment zu, auf die Geburt eines Lebewesens. Wenn das nicht ein Grund ist zu feiern und den Moment außerordentlich zu genießen, dann weiß ich es auch nicht. Weihnachten ist “die Mutter” aller Geburtsfeste. Dennoch müssen wir warten bis es soweit ist, bis der “Heilige Abend” anbricht. Wir müssen warten und das ist so eine Sache.

Das Warten war noch nie leicht. Das glaube ich bestimmt. In der Geschichte der Menschheit mussten Menschen viel Zeit mit Warten verbringen, sich in Geduld üben. Man wartete auf die Heimkehr der Seefahrer. Ohne jede Nachricht musste man ausharren. Eine Kerze ins Fenster stellen, mehr konnte man nicht tun.

Wochenlang hat man auf Briefe gewartet, auf die Meldungen aus einem Kriegsgebiet, von einer Forschungsreise. Man hat auf die Ernte gewartet oder auf das Frühjahr, dass die Wärme zurückbrachte. Machte das Warten demütig oder traurig, hoffnungsfroh oder einfach nur geduldig, ich weiß es leider nicht?

Wir verlernen langsam das Warten . Wir warten nicht mehr gerne. Weder auf die Erfüllung eines Wunsches, dafür gibt es doch Kredite noch auf ein Paket, dafür gibt es Lieferdienste. Wir warten nicht mehr sehnsüchtig auf die Erdbeerzeit – es gibt sie rund ums Jahr irgendwo auf der Erde. Wir schreiben keine Briefe mehr, auch Mails sind zu langsam. Es muss auch anders gehen und wehe die andere Seite reagiert nicht schnell genug. Selbst das Wunder der Geburt können wir nicht mehr erwarten, wozu gibt es den Kaiserschnitt. In meiner Kindheit gab es die ersten Fernsehsendungen “wir warten aufs Christkind”. Wahrscheinlich haben wir zu oft gefragt, wann das Christkind endlich kommt. Brauchen wir heute auch unbedingt Ablenkung vom Warten?

Weihnachten erwarten können, geduldig und hoffnungsfroh sein und die Ankunft feiern – wirklich feiern, das wäre ein kleines Alltagswunder!

15. Dezember

Manchmal hält man eine ganze Welt in der Hand als Filzerin, so wie hier Delia Grimm

An manchen Tagen haben die “wahrhaft großen Aufgaben” solch eine Aufmerksamkeit von den Medien, von mir, von so vielen Menschen, dass sie scheinbar übermächtig erscheinen. Wir leben in einer Zeit für die das Kleine, das Schaffbare kaum von Interesse ist. Nur wenn die Anspruchsfantasien und die Katastrophenvorhersagen riesig genug sind, schier unmöglich zu bewältigen sind, dann sind “wir” zufrieden. Es gibt unendlich viel Diskussionbedarf, Beschimpfungsstoff, Unfähigkeitsvorwürfe und zugleich das beruhigende Gefühl, doch nicht wirklich etwas erreichen zu können dank der übermächtigen Problematik. Und so wächst neben hilfloser Wut auch der Zorn auf irgendwen und die Idee, dass man selbst viel zu unbedeutend ist um irgendetwas ändern zu können.

Keine Angst, ich werde jetzt keine Vorschläge unterbreiten, was jeder zur Rettung des Weltfriedens, zum Schutz des Klimas oder gegen die Plastikflut machen kann. Das können andere viel besser als ich, das gebe ich neidlos zu.

Doch wenn es zum Beispiel um den Umgang mit unserem persönlichen Zeitmanagement geht, habe ich mal gelernt, dass es Sinn macht das Wichtige vom Dringenden zu unterscheiden. Zusätzlich wäre ich dafür zu schauen, worauf habe ich Einfluss, was hat für mich und mein Handeln Bedeutung. Letzendlich geht es auch in der Betrachtung meiner Welt darum, wieder den Blick zu schärfen für die vermeintlich kleinen Dinge, die Welten die mich beherbergen und auf die ich Einfluss habe. Gelegenheiten, die ein ehrliches Lächeln und bleibende Erinnerungen in sich bergen, zu schaffen oder zu suchen. Eine Aufgabe zu meistern, sich selbst erfolgreich zu erleben oder auch mal zu scheitern. Den ein oder anderen Schritt mit Aufmerksamkeit gehen und beim Autofahren mal keine Nachrichten hören, die jemand formuliert hat um meine Aufmerksamkeit auf fremde Ziele zu lenken. Mal den Kindern zuhören statt sie mit Antreibern aller Arten auszustaffieren.

Es mag euch merkwürdig vorkommen, doch in der Arbeit mit der Wolle, in dem Prozess der jedes Mal etwas “Erschaffendes” hat, im Filzen, verschieben sich für mich die Kategorien und geben mir die Gewissheit, dass ich Einfluss habe – auf mich, meinen Alltag und die Definitionen von Wichtig/Dringend/Groß/Bedeutsam …

Die Woche vor dem Fest ist vielleicht eine gute Zeit den inneren Kategorien mal wieder mehr zu vertrauen. Im Kleinen haben wir sicher die Welt in der Hand.

14. Dezember

Angela Teuchert zeigt uns “Das selbstbewusste Chamäleon”

Es gehört zu den verblüffendsten Fähigkeiten im gesellschaftlichen Alltag, dass wir uns verstellen können. Wir können in einer Veranstaltung so tun, als ob wir uns wirklich sehr gerne hier aufhalten. Wir können superfreundlich sein obwohl uns eher danach wäre, laut zu schreien. Wir setzen Masken auf, passend zu jeder Lebenslage. Wenn wir mit Kindern sprechen verändern wir Stimmlage und Wortwahl. Manche Menschen beherrschen das Handwerk der Verstellung, des sich selbst Verbergens so perfekt, dass wir ihre Rollen mit der eigentlichen Persönlichkeit verwechseln. Es war (und ist es vielleicht noch immer) im Laufe der Evolution wichtig, sich tarnen, verstecken und verstellen zu können.

Angela Teuchert hat zu ihrem “selbstbewussten Chamäleon” unter anderem geschrieben: “Chamäleons, die sich auf phantastische Weise farblich ihrer Umwelt anpassen können, versuchen sich dank dieser Mimese für Feinde unsichtbar zu machen. Dieses selbstbewusste Chamäleon hingegen legt seine Verbergetracht ab, passt sich nicht an, zeigt sich wie es ist und versteckt sich nicht. Es bekennt Farbe.”

Es gehört für mich zu den großen Wundern unserer Zeit, dass es immer weniger Gründe gibt, sich zu tarnen, sich zu verbergen, zu tun “als ob”. Sorgen wir dafür, dass uns immer der Raum bleibt eine freie Entscheidung treffen zu können, ob ich mich selbst gerade mal hinter eine Verbergetracht zurückziehe oder mich und alles was mich ausmacht sichtbar werden lasse. Die Freiheit jederzeit frei meine Strategie wählen zu können ist sicher mehr als ein Alltagswunder.

13. Dezember

Diesen magischen Blick auf London verdanken wir Susanne Weber

Ihr seht richtig, Mary Poppins besucht heute den Kalender. Erst 1952 ist das Buch auf Deutsch erschienen und die meisten von uns kennen diese märchenhafte Figur eher aus dem alten Disney-Film als aus dem Buch.

Sie ist so selbstsicher und selbstbewußt und unerschütterlich. Ein wenig Magie ist natürlich auch noch im Spiel Sie rettet einer Familie das Familienleben und bringt Freude, Spiellust und Fantasie ins Haus – gleichzeitig Ordnung und ein klitzekleines Wenig an Disziplin. Und wenn alles wieder in Ordnung ist, dann sorgt sie dafür, dass der Wind sich dreht und mit ihm verschwindet sie so wie sie gekommen ist. Sie ist gar kein Alltagswunder, sie ist ein Wunder, welches einer Familie widerfährt, die es dringend braucht. Wir warten ja irgendwie alle vergeblich auf dieses Wunder und lieben die Geschichte deshalb so sehr, weil sie uns einen Traum schenkt – also eher Zeit zum Träumen…?

Hmh, so kann man das nicht stehen lassen, so kann ich euch nicht ins Wochenende lassen. Mir fällt nämlich ein, dass wir alle etwas von Mary Poppins haben. Zugegeben, ich kann nicht mit Hilfe eines Schirms fliegen (was allerdings eine Menge Transportprobleme lösen würde) aber ich bin doch für meine Familie – wenigstens an manchen Tagen – so eine Art Mary Poppins, und ihr auch für eure Lieben. Wir können Geschichten erzählen, Medizin mit Zucker versüßen und Gute-Nacht-Küsse verteilen. Ich will hier kein Loblied auf hausfrauliche Tugenden halten, denn die Zeiten in denen wir dafür belohnt wurden sind schon lange vorbei. Aber wir sind mehr oder weniger fröhliche Familienmanagerinnen. Aus meiner Sicht gehören diese Talente durchaus in den Bereich der Magie. Mit dem Gedanken an unsere magischen Fähigkeiten kann ich mich nun beruhigt aufmachen auf den Weihnachtsmarkt, denn der Wind hat gedreht…