noch 9 Tage

Von Wölfen und Schafen von Claudia Hecker

Schafe und Wölfe – Wolfsschafe oder Schafswölfe. Im Märchen frisst der Wolf Kreide um seine Beute, die Zicklein, zu täuschen. Na ja, und wie im Märchen so üblich, hilft es ihm wenig. Er ist zu gierig und kann aus seiner Täuschung am Ende keinen Profit ziehen. Wer das Märchen kennt, der weiß wie der Wolf endet.

Ob man immer so erfolglos ist, wenn man mal “Kreide frisst”? Manchmal scheint es angebracht zu sein, seiner Stimme einen lieblicheren Klang zu verleihen, sich gar zu verstellen. Es gibt Situationen, in denen man Nerven, Stimme und Kraft schont, wenn man nicht mit gleicher Münze zurück zahlt oder gleich aus der berühmten Haut fährt. Pampige, unfreundliche Menschen gibt es schon genug, das Spiel muss ich nicht mitspielen. Ich kann auf mich achten, manches vor der Tür lassen, nicht an mich herankommen lassen, nicht zu allem meinen Senf geben. Man kann sich den Preis überlegen, den man zahlen würde, wenn man auf die Kreide verzichtet, wenn mit “gleicher Münze” zurück zahlt. Doch jetzt mal ehrlich, es gibt auch Augenblicke im Leben, da ist ein hartes, ein klares Wort wichtiger als die gute Stimmung. Dann legt man den Schafsmantel mal ab und darf sich “Luft” verschaffen, sich den Balast von der Seele reden. Und das tut man besser, bevor der andere denkt, er könne einen zum Frühstück verspeisen. Ihr merkt schon, ich bin heute irgendwie in “sprichwörtlicher” Laune, weil es mir so leichter fällt, ruhig zu bleiben. Ich bin mal gespannt, wie lange unsere Kreidevorräte noch ausreichen in diesen Tagen.

Die beiden ausdrucksstarken Skulpturen gehören übrigens auch zu den Arbeiten, die in unserer Ausstellung gezeigt werden sollen und jetzt vermutlich noch länger auf ihren Auftritt warten müssen. Wieder ein Stück Kreide weniger!

Bleibt gesund!

noch 11 Tage

Frühling – eine Projektarbeit von Carola Heuser

Noch 11 Tage! Eine kurze Distanz bis zum Osterfest…

Hellle, lichte Farben – gerahmt und in gebührender Distanz zueinander, so dass jede einzelne ungestört ihre Wirkung entfalten kann. Ich denke in den letzten Tagen oft über das Wort Distanz nach.

Abstand, Messgröße, Zeitraum oder gar seelische Zustandsbeschreibung? Es gibt Distanzscheiben, damit etwas passgenau zusammengesetzt werden kann. Mit Distanz zu spielen kann ein künstlerisches Stilmittel sein, als Autofahrer sollte man immer Distanz halten zum Vordermann sonst könnte der Bremsweg nicht ausreichen. Brücken überwinden Distanzen. Bei Gesprächen vis a vis empfinden wir eine Armlänge Abstand angenehmer als Distanzlosigkeit. Einem Menschen “auf die Pelle zu rücken” schafft in der Regel innere Distanz und man versucht auszuweichen. Distanzlosigkeit, körperliche wie verbale, weckt Abwehrgefühle bis hin zur Aggression. Jeder von uns hat seine eigene Distanzlinie und die Erlaubnis diese zu überschreiten zu dürfen ist ein großer Vertrauensbeweis. Distanz und ihr Gegenteil, die Nähe, sind irgendwie allgegenwärtig. Nähe kann beruhigen oder verwirren, Fragen aufwerfen…

Na gut! Nun wird Distanz gerade zum Zauberwort, zur Aufforderung und zum Rettungsanker in ungewissen Zeiten. Mir geht das Bild eines Seiltänzers nicht aus dem Kopf. Vor vielen Jahren haben wir mal an einer Veranstaltung teilgenommen, in deren Verlauf wir auf einem sehr schmalen Brett balancieren sollten. Zunächst lag das Brett auf dem Boden und die Distanz zu überwinden war ganz einfach. Niemand verlor das Gleichgewicht oder hatte Angst von einem Ende zum anderen zu schreiten. Merkwürdigerweise wurde die Unsicherheit geradezu sichtbar größer je höher das Brett gelegt wurde. Vielleicht ist es wirklich eine Frage unserer Vorstellungen, wie hoch wir das Risiko einschätzen, Distanzen zu überwinden. Wenn die vorgegebene Höhe uns zu groß erscheint, trauen wir uns die Wegstrecke nicht mehr zu.

Gerade jetzt, wo räumliche Distanz so wichtig zu sein scheint, wünschte ich mir mehr Fantasie in der Überwindung von von seelischer und psychischer Distanz.

Distanz ist ein gutes Stilmittel und in vielen Bereichen wirklich wichtig, aber von Mensch zu Mensch ist sie ungeheuer anstrengend. Vielleicht brauchen wir alle eine Balacestange oder ein rosa Schirmchen um die Distanzen zu überwinden und zu überstehen. Und wenn ihr jemanden habt, der nicht Distanz halten muss, dann nehmt ihn mal stellvertretend für die vielen, die gerade auf dem Seil Halt suchen, in den Arm!

Schlaft gut!

23. Dezember

Ein Islandtroll, wer hätte das gedacht, von Margit Röhm erdacht.

Ein Troll am Tag vor Heilig Abend? Muss das denn sein, so ein wilder, unberechenbarer Kerl. Das fehlt jetzt gerade noch, dass sich so ein Troll ins Haus schleicht und Chaos verbreitet. Vielleicht versteckt er die Geschenke, weil er denkt, es wär Ostern und wir haben dann nix unterm Baum. Vielleicht futtert er den Kühlschrank leer über Nacht oder schreibt Tante Käthe eine SMS, dass sie ausgeladen ist. Vielleicht macht er sich vor dem Haus eine Eisbahn und jemand hat dann morgen ein dickes Knie oder er vertauscht die Gewürze und der Kartoffelsalat schmeckt dann nach Vanille statt nach Pfeffer…

Einer meiner Lieblingsmenschen hat sich eine Kehlkopfentzündung eingefangen. Dafür kann der Troll übrigens gar nichts. Nun musste der Lieblingsmensch zur Ärztin, wir sollen ihn nicht singen lassen, kaum das Sprechen erlauben und ihn mit Medizin füttern. Also, ab zur Apotheke. Soll ich euch was verraten? Ich will lieber zwei solche Trolle im Haus haben, als noch einmal in das Last-Minute-Getümmel einzutauchen. Chaos verbreiten, das können wir so gut selbst, da brauchen wir keine Trolle, zumal ich bezweifle, dass Trolle so schlecht sind wie ihr Ruf.

Vor allem Islandtrolle, die ihre genetische Heimat in der Wolle haben, haben geniale Eigenschaften. Ihre Ursprünge bedeuten nämlich, dass sie die Luft reinigen, den Geruch von Stress und Ärger aus der Atmosphäre waschen, die Herzen erwärmen, sich nicht so einfach die Finger verbrennen, vieles wie Wasser an sich abperlen lassen und sich nicht aufladen lassen. Die Kerle sind biegsam bis anschmiegsam ohne die eigene Form zu verlieren und können gut zuhören. Letzteres liegt wohl eher an Island, dem Land der Stille und weniger an der Wolle.

Was ihr auch immer heute noch vor habt, erfüllt die Luft lieber mit Tannenduft als mit dem Geruch der Hektik. Wärmt euch gegenseitig, damit niemand kalt in die Weihnachtstage gehen muss. Lasst liegen, was sich nach heißem Eisen anfühlt, im neuen Jahr ist dafür noch Zeit genug. Geht lachend in den Regen, denn Tropfen im Haar bedeuten bestimmt Glück – warum auch nicht. Verliert euch nicht im fremden Trubel, jemanden anlächeln ist befreiend auch wenn der andere gar nicht weiß, wie ihm geschieht. Und sucht euch ein Weihnachtslied zum Zuhören und Mitsingen. Und der da so brummt neben euch, das ist der Troll, der ist schon in Weihnachtsstillestimmung…

20. Dezember

Monika Derrix hat eine Wiege gefilzt.

“Ein Ort der Geborgenheit für das kostbarste Geschenk der Natur” hat die Filzkünstlerin zu ihrer Arbeit dazu geschrieben. Was könnte besser in die Adventszeit passen als der sichere Platz für ein neues Leben.

Die Geburt neuen Lebens ist für mich das größte Wunder, dass uns die Natur schenkt. Alles darum herum läuft immer auf diesen einen Moment zu, auf die Geburt eines Lebewesens. Wenn das nicht ein Grund ist zu feiern und den Moment außerordentlich zu genießen, dann weiß ich es auch nicht. Weihnachten ist “die Mutter” aller Geburtsfeste. Dennoch müssen wir warten bis es soweit ist, bis der “Heilige Abend” anbricht. Wir müssen warten und das ist so eine Sache.

Das Warten war noch nie leicht. Das glaube ich bestimmt. In der Geschichte der Menschheit mussten Menschen viel Zeit mit Warten verbringen, sich in Geduld üben. Man wartete auf die Heimkehr der Seefahrer. Ohne jede Nachricht musste man ausharren. Eine Kerze ins Fenster stellen, mehr konnte man nicht tun.

Wochenlang hat man auf Briefe gewartet, auf die Meldungen aus einem Kriegsgebiet, von einer Forschungsreise. Man hat auf die Ernte gewartet oder auf das Frühjahr, dass die Wärme zurückbrachte. Machte das Warten demütig oder traurig, hoffnungsfroh oder einfach nur geduldig, ich weiß es leider nicht?

Wir verlernen langsam das Warten . Wir warten nicht mehr gerne. Weder auf die Erfüllung eines Wunsches, dafür gibt es doch Kredite noch auf ein Paket, dafür gibt es Lieferdienste. Wir warten nicht mehr sehnsüchtig auf die Erdbeerzeit – es gibt sie rund ums Jahr irgendwo auf der Erde. Wir schreiben keine Briefe mehr, auch Mails sind zu langsam. Es muss auch anders gehen und wehe die andere Seite reagiert nicht schnell genug. Selbst das Wunder der Geburt können wir nicht mehr erwarten, wozu gibt es den Kaiserschnitt. In meiner Kindheit gab es die ersten Fernsehsendungen “wir warten aufs Christkind”. Wahrscheinlich haben wir zu oft gefragt, wann das Christkind endlich kommt. Brauchen wir heute auch unbedingt Ablenkung vom Warten?

Weihnachten erwarten können, geduldig und hoffnungsfroh sein und die Ankunft feiern – wirklich feiern, das wäre ein kleines Alltagswunder!

15. Dezember

Manchmal hält man eine ganze Welt in der Hand als Filzerin, so wie hier Delia Grimm

An manchen Tagen haben die “wahrhaft großen Aufgaben” solch eine Aufmerksamkeit von den Medien, von mir, von so vielen Menschen, dass sie scheinbar übermächtig erscheinen. Wir leben in einer Zeit für die das Kleine, das Schaffbare kaum von Interesse ist. Nur wenn die Anspruchsfantasien und die Katastrophenvorhersagen riesig genug sind, schier unmöglich zu bewältigen sind, dann sind “wir” zufrieden. Es gibt unendlich viel Diskussionbedarf, Beschimpfungsstoff, Unfähigkeitsvorwürfe und zugleich das beruhigende Gefühl, doch nicht wirklich etwas erreichen zu können dank der übermächtigen Problematik. Und so wächst neben hilfloser Wut auch der Zorn auf irgendwen und die Idee, dass man selbst viel zu unbedeutend ist um irgendetwas ändern zu können.

Keine Angst, ich werde jetzt keine Vorschläge unterbreiten, was jeder zur Rettung des Weltfriedens, zum Schutz des Klimas oder gegen die Plastikflut machen kann. Das können andere viel besser als ich, das gebe ich neidlos zu.

Doch wenn es zum Beispiel um den Umgang mit unserem persönlichen Zeitmanagement geht, habe ich mal gelernt, dass es Sinn macht das Wichtige vom Dringenden zu unterscheiden. Zusätzlich wäre ich dafür zu schauen, worauf habe ich Einfluss, was hat für mich und mein Handeln Bedeutung. Letzendlich geht es auch in der Betrachtung meiner Welt darum, wieder den Blick zu schärfen für die vermeintlich kleinen Dinge, die Welten die mich beherbergen und auf die ich Einfluss habe. Gelegenheiten, die ein ehrliches Lächeln und bleibende Erinnerungen in sich bergen, zu schaffen oder zu suchen. Eine Aufgabe zu meistern, sich selbst erfolgreich zu erleben oder auch mal zu scheitern. Den ein oder anderen Schritt mit Aufmerksamkeit gehen und beim Autofahren mal keine Nachrichten hören, die jemand formuliert hat um meine Aufmerksamkeit auf fremde Ziele zu lenken. Mal den Kindern zuhören statt sie mit Antreibern aller Arten auszustaffieren.

Es mag euch merkwürdig vorkommen, doch in der Arbeit mit der Wolle, in dem Prozess der jedes Mal etwas “Erschaffendes” hat, im Filzen, verschieben sich für mich die Kategorien und geben mir die Gewissheit, dass ich Einfluss habe – auf mich, meinen Alltag und die Definitionen von Wichtig/Dringend/Groß/Bedeutsam …

Die Woche vor dem Fest ist vielleicht eine gute Zeit den inneren Kategorien mal wieder mehr zu vertrauen. Im Kleinen haben wir sicher die Welt in der Hand.