„Ungesehenes sichtbar machen“
ein Filztreffen, das Gemeinschaft sichtbar macht
Wenn Filzerinnen reisen, dann selten mit leichtem Gepäck. Schon von Weitem kann man sie erkennen. Frauen mit großen Rucksäcken und Taschen voller Wolle.
Im Februar 2026 führte sie der Weg nach Chemnitz, in die europäische Kulturhauptstadt von 2025. Für einige Tage wurde die Jugendherberge der Stadt zum Treffpunkt für Filzerinnen aus ganz Deutschland, Österreich, Südtirol und den Niederlanden. Die Filzbegegnung des Filznetzwerks stand in diesem Jahr unter dem Thema „Ungesehenes sichtbar machen“. Ein Gedanke, der leise wirkt und doch weit trägt.
Schon beim Ankommen entstand dieses besondere Gefühl, das ein Filztreffen im Filznetzwerk auszeichnet. Aus der Jugendherberge wurde ein Atelier auf Zeit, mit Tischen voller Wolle und Filzutensilien. Man arbeitete nebeneinander, schaute sich über die Schulter und kam ins Gespräch. Kleine Momente, die verbinden.
Den Auftakt der Filzbegegnung bildete wie üblich die Mitgliederversammlung mit einem Rückblick auf ein lebendiges Jahr im Filznetzwerk mit Projekten, Regionaltreffen und gemeinsamen Aktionen. Gleichzeitig richtete sich der Blick nach vorn auf das Filzkolleg in Soltau und auf neue Ideen. Dabei wurde spürbar, was dieses Netzwerk trägt. Es lebt vom Mitwirken, vom Engagement und von der Bereitschaft, Wissen und Erfahrung zu teilen.
Im weiteren Verlauf griffen die Impulsworkshops das Jahresthema der Filzbegegnung auf.
In „Filz & Graffiti“ trafen Farben auf klare Linien und es entstanden Arbeiten mit überraschender Direktheit.
„Silberlocke“ nahm die mineralische Landschaft des Erzgebirges auf. Rohwolllocken und kardierte Wolle verbanden sich zu kleinen dreidimensionalen Schätzen, deren Strukturen an Silberadern erinnerten.
Bei „Geheimnisse unter der Oberfl äche“ wurde farbige Wolle zunächst verborgen und später wieder sichtbar gemacht. Linien tauchten auf, Flächen gewannen Tiefe, und das Material erzählte mehr, als zunächst zu sehen war.
Der Workshop „Bindung“ spürte historischen Textiltechniken nach und erkundete, wie gezielte Verbindungen neue Oberflächen im Filz entstehen lassen.
In „Kleine Kostbarkeiten“ wurden Perlen und alte Schmuckstücke eingearbeitet, um sie nach dem Filzprozess behutsam wieder freizulegen.
„Verborgene Spitzen“ schlug einen Bogen zur sächsischen Textilgeschichte. Filigrane Elemente aus Wolle und Seide erinnerten an Klöppelkunst und an die textile Vergangenheit der Region.
An diesem Wochenende blieb bewusst viel freie Zeit. Zeit zum Vertiefen, zum Weiterdenken und zum Austausch, denn genau hier entfaltet die Filzbegegnung ihre besondere Qualität. Gespräche durften entstehen, Kontakte vertieften sich und Ideen wuchsen weiter. Die anwesenden Wollhändler ermöglichten spontane Entdeckungen, sodass neue Impulse unmittelbar umgesetzt werden konnten.
Auch die Stadt selbst wurde Teil dieser Filzbegegnung. Bei einer Stadtführung durch Chemnitz eröffneten sich neue Perspektiven auf eine Region im Wandel. Industriegeschichte, Aufbruch und Kultur verbanden sich zu einem Hintergrund, der das Jahresthema auf stille Weise spiegelte.
Besonders berührend war die Mitgliederausstellung am Freitag. Arbeiten, die vielleicht lange im Atelier gelegen hatten, erhielten nun Raum und Wertschätzung. Hier ging es nicht um Vergleich, sondern um Sichtbarkeit.
Ergänzt wurde das Programm durch Projektvorstellungen. Der Verein Alte Spinnerei und Tuchfabrik Lengenfeld gab Einblicke in sein Engagement für den Erhalt textiler Industriekultur und die Förderung regionaler Schafwolle. Es wurde deutlich, wie eng Handwerk, Geschichte und Gegenwart miteinander verbunden sind. Das Kulturhauptstadtprojekt „Vogelperspektive“ zeigte ein groß angelegtes Gemeinschaftswerk, bei dem Eindrücke aus Chemnitz in einem Filzteppich zusammengeführt wurden. Viele einzelne Beiträge verbanden sich zu einem Ganzen. Ein sichtbares Zeichen dafür, wie kraftvoll gemeinsames Arbeiten sein kann.
Ein besonderer Höhepunkt war der Samstagabend. In einer Modenschau wurden selbst gefilzte Lieblingsstücke präsentiert. Kleidungsstücke, die über viele Stunden Arbeit entstanden waren, wurden mit Stolz getragen und so sichtbar gemacht. Es ging nicht um Perfektion, sondern um Ausdruck und um den Mut, die eigene Arbeit zu zeigen. Jede Präsentation wurde mit herzlichem Applaus begleitet. In den Gesichtern spiegelten sich Aufregung und Freude.
Als sich der Raum später für die Kreistänze öffnete, entstand eine andere Form der Verbindung. Ohne große Worte bewegten wir uns im gemeinsamen Rhythmus, Schritt für Schritt, Hand in Hand. Diese Momente lassen sich schwer beschreiben. Man muss sie erleben.
Am Ende dieser vier Tage waren die Notizbücher und die Herzen gefüllt. Die Filzbegegnung im Filznetzwerk ist mehr als ein Filztreffen in Deutschland. Sie ist ein Raum für Entwicklung, Austausch und Verbindung. Ein Ort, an dem Unsichtbares sichtbar wird, im Material und im Miteinander.
Die nächste Filzbegegnung findet im Februar 2027 in Hohebuch statt. Vielleicht ist es ein guter Moment, sich selbst einen Platz in diesem Kreis zu schenken.
Text: Ina Birke
Fotos: Ina Birke

