18. Dezember

Rohwollfilzen ist der Weg der mit Ulrike Wieland zu solch gemütlichen Bänken führt.

Theodor Fontane soll mal gesagt haben “im Sitzen spazieren zu gehen, ist ein wahrer Genuss”. Dieser Satz gibt so viel her. Erst einmal kann man sich über den sonderbaren Humor von Herrn Fontane amüsieren.Wer sitzt schon, wenn er spazieren geht?

Dann ist mir eingefallen, dass er sehr viel gewandert ist, er hat sogar Bücher über seine Wanderungen geschrieben. Und von diesen Wanderungen zu berichten, das kann man im Gehen oder im Sitzen tun. Jemandem an den eigenen Erlebnissen so teilhaben zu lassen, dass der sich mitgenommen fühlt, das ist eine besondere Gabe. Manche Menschen können so spannend erzählen, dass ich das Gefühl habe, ich wäre dabei gewesen. Erlebtes erinnern um es anderen mitzuteilen iost bestimmt ein wunderbares Geschenk. Seine eigenen Erfahrungen so sprachlich umzusetzen, dass andere dem folgen können, es verstehen und bestenfalls nacherleben zu können, das ist ein kleines Alltagswunder. Und wenn dann noch Humor ins Spiel kommt, dass wird es ein wahrer Genuss, das im Sitzen spazieren gehen auf den Erinnerungspfaden eines Erzählers. Mein Lieblingserzähler war mein Vater, wenn er uralte Geschichten aus seiner Kindheit, aus den Kriegsjahren und danach erzählt hat. Ich bin sicher dass jeder von uns jemanden hat, der Geschichten erzählen konnte, wie kein anderer unddadurch uns in den langen Faden der Erinnerungen mit eingesponnen hat. Das Gefühl, Teil einer Geschichtsspur zu sein, gibt ein wenig Klarheit über Herkunft und den Weg der vor uns liegt. 

 

 

17. Dezember

Karin Twelkemeier hat diese hinreisenden Gänschen für uns eingefangen

Aha, also es sind noch 7 Tage bis Weihnachten. Davon ist ein Tag ein Sonntag, da kann man nix mehr besorgen, also eigentlich sind es nur noch 6 Tage an denen alles eingekauft werden kann, was man so zum Weihnachtsessen und drum herum benötigt. Und Morgen müssen unbedingt die letzten Weihnachtskarten geschrieben werden – also nur noch 5 Tage. Am 24. wird der Baum geschmückt, da geht man nicht mehr in die überfüllten Läden und am Samstag besser auch nicht – also nur noch 3 Tage Zeit. War da nicht noch die Weihnachtsfeier der Schule der Kinder oder des Heimatvereins – also noch ein Tag weniger…

Wir haben uns so daran gewöhnt zu fast jeder Zeit “Bedarf” decken zu können und geraten dennoch regelmäßig in so was wie Atemlosigkeit, wenn Festtage auf uns zurasen. Da spielt es wirklich kaum noch eine Rolle, dass wir über Tiefkühler, Kühlschränke, Einmachgläser und Vakumiergeräte verfügen. Wir setzen uns selbst so unter Druck, dass alles perfekt sein soll, dass da plötzlich trotz aller Planung ein Gewürz fehlt, der Göttergatte dann doch die Milch vergessen hat und sich am Tag vor dem Fest eine vertwandte ansagt, die ganz sicher keine Nüsse verträgt.

Und jedes Jahr sitzen wir nach dem Fest auf unseren Resten und schwören uns, dass wir diesen Wahnsinn im kommenden Jahr auf keinen Fall so noch einmal mitmachen. Was kocht ihr eigentlich an den Festtagen? Gehört ihr zu den Traditionsessern oder den Experimentalköchinnen? Habt ihr eine Festtafel oder ein Buffet? Vertraut ihr den Kochkünsten eurer Männer und Kinder oder steht ihr lieber selbst am Herd?

Ich will euch von einer alten Freundin erzählen, die sich jedes Jahr einen kitschigen Weihnachtsroman kauft. Sie kauft alles ein, was ihr ihre Lieben auftragen, schleppt es zum Auto und packt es auch aus. Alles eine Woche vor Weihnachten. Und dann schmückt sie den Baum, kocht einen Eintopf für den letzten Tag vor dem Fest und dann… setzt sie sich in ihre Stube und ließt ihren Roman. Am Heiligen Abend geht sie mit zur Kirche und freut sich auf die Bescherung. Aber die Küche die betritt sie erst nach Weihnachten wieder. Sie erzählt gerne von den kulinariuschen Experimenten, deren Produkte sie genießen durfte und lacht viel dabei. Am Ende der Feiertage hat sie einen entspannenden Roman zu Ende gelesen und viele verrückte Gerichte gekostet, die sie niemals selbst gekocht hätte. Und sie bekommt noch etwas – nämlich eine ganz fröhliche Familie, die mit einer entspannten Mutter viel Mut zum Risiko gewagt hat, Spaß hatte und jedes Jahr ein etwas anderes Weihnachtsfest erlebt. Vielleicht wär das ja mal was für uns?

Und jetzt fragt mich bitte nicht, wie ich von Gänsen auf Weihnachtsessen gekommen bin!

16. Dezember

Sterne für die Weihnachtszeit hat Barbara Steffen-Munsberg gearbeitet.

Sterne gehören zur Weihnachtsdekoration dazu, so einfach ist das. Aus Stroh, aus Glas, wunderbare Faltsterne aus Goldpapier oder transparente Fenstersterne. Kaum ein Haushalt, der ohne Sterne auskommt. Und so ganz grundsätzlich kommen wir sowieso nicht ohne Sterne aus. Sie umhüllen unsere Erde. Egal wo immer wir stehen auf unserem kugeligen Planeten, des Nachts sehen wir sie. Sie haben die Seefahrer jahrtausendelang geleitet, beschwören das Schiksal in Form von Sternbildern und vollbringen als Schnuppen wahre Wunschwunder. Vielleicht ist es so, dass es für jeden von uns einen Stern gibt, der von Ferne über uns wacht.

Die Geburt des Christkinds soll von einem Stern angezeigt worden sein. Heute behaupten die Wissenschaftler ja, es sei ein Komet gewesen, aber wir wissen das besser. Es war ein ganz besonderer Stern, der ist nicht nur einfach zufällig vorbei gehuscht. Unvorstellbare Zeiträume lang stehen die Himmelsboten da im All und lassen sich von uns betrachten und mit Deutungen überfrachten, ganz geduldig und ohne Widerspruch. Angeblich gibt es so manche schon gar nicht mehr und wir können ihr Licht dennoch immer noch sehen, weil das Licht so lange braucht, bis es bei uns ankommt.

Sehen, was andere nicht sehen, das gehört für mich zu den kleinen Alltagswundern. Im Sternenhimmel ein Bild entdecken, aus einer Wolkenformation eine ganze Geschichte herauslesen, in einer Baumrinde ein Gesicht entdecken. Was sind wir doch für wundersam begabte Wesen. Wir sind voller Eindrücke und Ausdrucksmöglichkeiten, voller Erinnerungen, Geschichten und Zukunftsbilder.

Vielleicht sind Sterne für uns, gerade auch in der Weihnachtszeit so symbolträchtig, weil sie etwas Ewiges verkörpern. Etwas was sich so oder so unserem Zugriff entzieht und doch für uns präsent ist. In diesem Sinne mag jeder Stern am Fenster oder am Baum für eine Person stehen, die uns wichtig ist oder war (was einander nicht ausschließt, wenn ich es recht bedenke) und uns an sie erinnern. Sie stehen für all jene, die warum auch immer, nicht mit uns feiern können. Sie sind eben dennoch da, in uns und in den Sternen.

15. Dezember

Manchmal hält man eine ganze Welt in der Hand als Filzerin, so wie hier Delia Grimm

An manchen Tagen haben die “wahrhaft großen Aufgaben” solch eine Aufmerksamkeit von den Medien, von mir, von so vielen Menschen, dass sie scheinbar übermächtig erscheinen. Wir leben in einer Zeit für die das Kleine, das Schaffbare kaum von Interesse ist. Nur wenn die Anspruchsfantasien und die Katastrophenvorhersagen riesig genug sind, schier unmöglich zu bewältigen sind, dann sind “wir” zufrieden. Es gibt unendlich viel Diskussionbedarf, Beschimpfungsstoff, Unfähigkeitsvorwürfe und zugleich das beruhigende Gefühl, doch nicht wirklich etwas erreichen zu können dank der übermächtigen Problematik. Und so wächst neben hilfloser Wut auch der Zorn auf irgendwen und die Idee, dass man selbst viel zu unbedeutend ist um irgendetwas ändern zu können.

Keine Angst, ich werde jetzt keine Vorschläge unterbreiten, was jeder zur Rettung des Weltfriedens, zum Schutz des Klimas oder gegen die Plastikflut machen kann. Das können andere viel besser als ich, das gebe ich neidlos zu.

Doch wenn es zum Beispiel um den Umgang mit unserem persönlichen Zeitmanagement geht, habe ich mal gelernt, dass es Sinn macht das Wichtige vom Dringenden zu unterscheiden. Zusätzlich wäre ich dafür zu schauen, worauf habe ich Einfluss, was hat für mich und mein Handeln Bedeutung. Letzendlich geht es auch in der Betrachtung meiner Welt darum, wieder den Blick zu schärfen für die vermeintlich kleinen Dinge, die Welten die mich beherbergen und auf die ich Einfluss habe. Gelegenheiten, die ein ehrliches Lächeln und bleibende Erinnerungen in sich bergen, zu schaffen oder zu suchen. Eine Aufgabe zu meistern, sich selbst erfolgreich zu erleben oder auch mal zu scheitern. Den ein oder anderen Schritt mit Aufmerksamkeit gehen und beim Autofahren mal keine Nachrichten hören, die jemand formuliert hat um meine Aufmerksamkeit auf fremde Ziele zu lenken. Mal den Kindern zuhören statt sie mit Antreibern aller Arten auszustaffieren.

Es mag euch merkwürdig vorkommen, doch in der Arbeit mit der Wolle, in dem Prozess der jedes Mal etwas “Erschaffendes” hat, im Filzen, verschieben sich für mich die Kategorien und geben mir die Gewissheit, dass ich Einfluss habe – auf mich, meinen Alltag und die Definitionen von Wichtig/Dringend/Groß/Bedeutsam …

Die Woche vor dem Fest ist vielleicht eine gute Zeit den inneren Kategorien mal wieder mehr zu vertrauen. Im Kleinen haben wir sicher die Welt in der Hand.

14. Dezember

Angela Teuchert zeigt uns “Das selbstbewusste Chamäleon”

Es gehört zu den verblüffendsten Fähigkeiten im gesellschaftlichen Alltag, dass wir uns verstellen können. Wir können in einer Veranstaltung so tun, als ob wir uns wirklich sehr gerne hier aufhalten. Wir können superfreundlich sein obwohl uns eher danach wäre, laut zu schreien. Wir setzen Masken auf, passend zu jeder Lebenslage. Wenn wir mit Kindern sprechen verändern wir Stimmlage und Wortwahl. Manche Menschen beherrschen das Handwerk der Verstellung, des sich selbst Verbergens so perfekt, dass wir ihre Rollen mit der eigentlichen Persönlichkeit verwechseln. Es war (und ist es vielleicht noch immer) im Laufe der Evolution wichtig, sich tarnen, verstecken und verstellen zu können.

Angela Teuchert hat zu ihrem “selbstbewussten Chamäleon” unter anderem geschrieben: “Chamäleons, die sich auf phantastische Weise farblich ihrer Umwelt anpassen können, versuchen sich dank dieser Mimese für Feinde unsichtbar zu machen. Dieses selbstbewusste Chamäleon hingegen legt seine Verbergetracht ab, passt sich nicht an, zeigt sich wie es ist und versteckt sich nicht. Es bekennt Farbe.”

Es gehört für mich zu den großen Wundern unserer Zeit, dass es immer weniger Gründe gibt, sich zu tarnen, sich zu verbergen, zu tun “als ob”. Sorgen wir dafür, dass uns immer der Raum bleibt eine freie Entscheidung treffen zu können, ob ich mich selbst gerade mal hinter eine Verbergetracht zurückziehe oder mich und alles was mich ausmacht sichtbar werden lasse. Die Freiheit jederzeit frei meine Strategie wählen zu können ist sicher mehr als ein Alltagswunder.