Bruno Bujack – Urgestein der deutschen Filzszene

Ganz kurz nach seinem 84. Geburtstag ist Bruno Bujack von uns gegangen.

Von Anfang an war er dabei, als sich so langsam eine Filzszene in Deutschland etablierte. Vielen unter uns war er als der Techniker in der Filzszene bekannt. Zu den unterschiedlichsten Themen hat er akribisch geforscht und uns alle dann an seinen Ergebnissen teilhaben lassen. Wusste er etwas nicht genau, so hieß es: „Wart‘ mal bis zur nächsten Filzbegegnung, ich forsch mal nach…“  

Bereits zu den ersten Ausgaben der Filzzeitung schickte er mir Artikel zur Filzfähigkeit unterschiedlicher Schafrassen. Mehrere Bücher hat er verfasst und sie dienen mir immer wieder einmal zum Nachschlagen, wenn ich selbst etwas vorbereite. Seine Vorträge bei den Filzbegegnungen waren nicht nur informativ sondern auch kurzweilig. So manches Mal konnte ich den Karnevalisten erahnen und es klang fast wie eine Büttenrede, wenn er mit seinem Doktorhut recht kurzweilig und humorvoll vortrug.

Aber er überraschte uns nicht nur mit Wissenschaftlichem. Neben der technischen Seite hatte er auch eine sehr sensible Seele. Bei einer Filzbegegnung durfte ich ihn als Märchenonkel erleben. Das war absolut einzigartig! Seine Wahl war ein Märchen von den Lagerfeuern der Karawanserei und so empfing er uns orientalisch mit einem Weg aus Teelichtern, Kerzen auf seinem Tisch und selbst mit Turban geschmückt. Wir alle sind der Faszination seines Vortrags erlegen: man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so mucksmäuschenstill war es im Raum.

Was uns beide außerdem verband war auch das gemeinsame Interesse der Vernetzung der Filzer*innen untereinander und das bereits ab unserer ersten Begegnung. Bei jeder neuen Begegnung fachsimpelten und stritten wir über neue Entdeckungen im Filz, die Filzzeitung, über Möglichkeiten der Vernetzung, Vereinsgründung, Unterricht und Ausbildung und ließen doch auch Privates nicht aus. Er war maßgeblich an unserer Vereinsgründung beteiligt und half mir auf Burg Wildenstein die ersten Statuten für eine Satzung zu formulieren, denn in Sachen Verein hatte er viel mehr Ahnung als ich.

Auch die Ausbildung war ihm ein sehr wichtiges Anliegen. Bevor es noch überhaupt eine Filzschule oder Ausbildung für Textilgestalter*innen gab, nannte er seine Kurse Grundausbildung, und das waren sie auch. Viele Filzer*innen haben bei ihm wohl die erste Wolle zu Filz werden lassen. Er ließ es sich nicht nehmen, einer der ersten Ausbilder  für Textilgestalter*innen im Handwerk, Fachrichtung Filzen zu werden und war für Lea auch ein äußerst fürsorglicher Lehrer. Mit Feuereifer konnte er hier noch einmal sein ganzes Wissen weitergeben.

Die Filzbegegnungen waren auch immer unsere Begegnung und ich erinnere mich gerne daran, wie wir  uns z. B. in Detmold und Marienmünster fest untergehakt über das Glatteis geholfen haben.

Der Traurigkeit über seinen Tod steht einer großen Dankbarkeit gegenüber, dass sich unsere Wege fast 25 Jahre immer wieder kreuzten und ich an seinem großen Wissen teilhaben durfte und dadurch viele bleibende Erinnerungen an ihn habe.

Vielen Dank für Alles lieber Bruno!

Die Filzlaus Beate Bossert

Erinnerungen an Inge Bauer von Beate Bossert

Es stimmt mich sehr, sehr traurig, dass Inge von uns gegangen ist.
Wie hatten wir doch alle immer wieder gehofft, dass sie den Kampf gegen den Krebs doch noch gewinnen möge!
Jedoch die vielen schönen Erinnerungen kann uns Gott sei Dank niemand nehmen. Vieles was ich mit Inge erleben durfte wird mich immer begleiten.
Meine Erinnerungen beginnen vor über 25 Jahren als wir uns bei einem Hutkurs von Claudia Gemein das erste Mal begegnet sind. Dann wieder in Hohebuch, deutsche Filzbegegnungen und internationale Filzertreffen in Südtirol, die erste Studienreise mit Istvan Vidak in die Türkei, Inges Filzkurs bei Holger in Südfrankreich … Bei jeder neuen Begegnung fachsimpelten wir über neue Entdeckungen im Filz und ließen doch auch privates nicht aus. Immer wieder stellten wir fest, dass wir gerade an einem ähnlichen Punkt gelandet waren: zuerst die Teppiche, das Ausloten der Dreidimensionalität, dann wurde der Filz immer feiner und die Färberei kam dazu. Und dennoch waren unsere Ergebnisse immer grundverschieden. Nach und nach fanden wir unsere Wege im Filz: Inge ging auf in immer neuen Kreationen an Filzbekleidung und ich in Objekten und dem Dreidimensionalen. Sie war immer offen für Fragen und liebte den Austausch von Ideen. Sie hatte ein großartiges Gespür für Menschen, viel Vertrauen in Menschen und ihre Großzügigkeit war beispielhaft.

Mein erstes Kleidungsstück entstand bei Inge in Schopfloch. Sie begleitete meinen großen Filzteppich zu meinem 40. Geburtstag. Ohne sie wäre er wohl nie so geworden! Zusammen waren wir bei Workshops von Jori Johnson, May Hvystendahl und Charlotte Semisch. Auch das wunderbare Erinnerungen.

Und Ideen hatte sie ohne Ende! Ich weiß noch, wie sie mit einem schelmischen Lächeln bei einer Filzbegegnung die “Filzboa” freigab. “Du wirst sehen, dass demnächst überall die Boas nachgemacht werden…!” Und sie hatte damit recht und überhaupt kein Problem: “Manches muss man einfach freigeben.”

Es erfüllt mich mit Freude, dass ich das große Glück hatte, Inge kennengelernt zu haben und mit Trauer, dass wir keine neuen Erinnerungen mehr zu unserem Weg hinzufügen können.

  • Liebe Inge, vielen, vielen Dank für Alles!

Bossert, Beate

Eine große Leidenschaft für Textiles begleitet mich seit meiner Kindheit. Als ich nach vielen Ausflügen in unterschiedlichste textile Techniken dem Filz begegnet bin, empfand ich ein Gefühl des „Angekommen seins“. Doch von Angekommen sein, außer bei dem Material, das mir am meisten entspricht, kann heute längst nicht mehr die Rede sein. Im Gegenteil: Es war der Beginn einer fortwährenden Herausforderung. Ein Australier, der mich vor ein neues Filz-Problem gestellt hatte, sagte ganz trocken zu mir: „Let it be a challenge to you“. Dieser Satz begleitet mich seither als Motto, und so freue ich mich an den Herausforderungen, die der Filz immer wieder an mich stellt.

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Seit Jahren bin ich nun auf dem Filzweg unterwegs. Nicht wirklich will ich das Ende dieses Weges erreichen. An jeder Wendung mache ich neue Entdeckungen, stolpere oder gleite in neue Möglichkeiten hinein, Türen öffnen und schließen sich, neue öffnen sich, ich gehe Umwege und Abkürzungen – und so genieße ich es auf dem Weg zu sein.

www.diefilzlaus.de

Der sagenhafte Stoff: Seide

Satin, Brokat, Organza, Georgette, Pongée, Chiffon … Seidenfasern in Seifen zur Unterstützung der Griffigkeit, als Pulver in Kosmetika und vieles mehr. Wir tragen sie, wir stricken und weben mit Seide, wir filzen sie ein – wir benutzen sie auf vielfältigste Weise, jedoch wo kommt sie her und wie entsteht sie?

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Seide entsteht aus dem feinen Faden, mit der sich die Seidenraupe einspinnt. Seidenfasern haben manche mit der Wolle vergleichbare Eigenschaften: Wärmend im Winter sind sie eine strapazierfähig Proteinfaser, die ebenfalls bis zu 30% ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen kann, darüber hinaus auch noch herrlich kühlend im Sommer, sehr leicht und extrem belastbar.

Einzig „Crêpe de Chine“ gibt einen Hinweis auf ein Ursprungsland der Seide. Archäologische Funde belegen, dass auch entlang des Indus bereits 2800 v. Chr. Seide gewonnen wurde. Dabei handelte es sich jedoch um eine Rohseide.
Von verschiedenen wildlebenden Seidenspinnern wird auch heute noch Seide gewonnen. Der Atlasspinner ist der größte unter ihnen, aus seinen Kokons wird die“ Fagara-Seide“ hergestellt, „Eri-Seide“ aus den Kokons des Götterbaumspinners, „Tussah-Seide“ (Wildseide) kommt vom Eichenbaumspinner und „Muga-Seide“ – die goldene – kommt vom Mugaseidenspinner, den es einzig in der Gegend von Assam gibt, denn nur dort wächst „sein“ Baum: der Soalu Baum.

1a Seidenfalter
Den Chinesen gelang es jedoch den Maulbeerseidenspinner (Bombyx mori)  zu domestizieren und dadurch eine wesentlich effektivere Seidenproduktion zu erreichen. So wurde die chinesische Seide zum begehrten Handelsgut und das Geheimnis der Zucht war streng geheim. Es war bei Todesstrafe verboten, die Raupen oder ihre Eier außer Landes zu bringen. Aber Werkspionage gab es bereits im Mittelalter: so soll es zwei persische Mönche um das Jahr 550 herum gelungen sein, Eier in ihren ausgehölten Pilgerstäben nach Konstantinopel zu schmuggeln. Zu allen Zeiten haben Herrscher verschiedenster Länder immer wieder versucht ihre eigene Seidenproduktion zu betreiben. So entstanden überall dort auch Maulbeerplantagen, da sich der Bombyx mori ausschließlich von den Blättern dieses Baumes ernährt. In Deutschland z. B. finden sich noch heute Überreste von Maulbeerbaumplantagen von Brandenburg (im 17. Jh. Erstmals durch Friedrich Wilhelm I. kultiviert) bis nach Baden-Württemberg (in Mannheim die Maulbeerinsel aus der Zeit der Großherzogin Stephanie von Baden (1789-1860), oder die Maulbeerallee in Aalen aus der Hitlerzeit).

Doch woher kommt meine eigene Faszination für Seide?
Im Jahr 2000 besuchte ich Renate Maile-Moskovitz in Washington D.C. Als wir ihre Küche betraten stand dort zu meinem Befremden ein Kistchen mit grünen Blättern auf denen fette weiße Würmer wuselten.

2 Ein Kistchen voller Würmer

Schnell wurde ich belehrt, dass es sich hierbei nicht um Delikatessen sondern um Seidenraupen handelt. Kein Wunder, dass sie auf Englisch „Silkworms“ – Seidenwürmer und nicht Seidenraupen heißen. Auf meine Frage hin begann Renate zu erzählen und vieles, was ich heute über die Gewinnung der Seidenfasern weiß, weiß ich von ihr. Darüber hinaus stammen auch die beiden Maulbeerbäume in meinem Garten für meine eigene kleine Zucht von Renate.

Heute weiß ich, dass die Raupen immer brav dort bleiben, wo sie Maulbeerblätter zu fressen bekommen und sich nicht selbstständig auf Nahrungssuche begeben. 3 Frischgeschlüpfte Raupen auf ihrem Weg zu den ersten Maulbeerblättern.

Das macht sie auch so perfekt für mich als Haustier für einen Monat. Heute stehen meine eigenen Kistchen irgendwo, wo eben gerade Platz ist, bis sich die Raupen dick- und rundgefuttert haben. Das dauert 4 -5 Wochen. Sie sind dann ungefähr fingerdick und fingerlang und wiegen das 10 000fache ihres Anfangsgewichtes.
Dann hören sie einfach auf zu fressen und suchen sich einen Platz, an dem sie sich gut einspinnen können (meist biete ich ihnen dafür Klorollen an, die sich wunderbar zu „Hochhäusern“ stapeln lassen). 3b Kistchen mit Hochhaus

Während dieser Zeit versuche ich auch viel da zu sein, da hin und wieder eine „auswandert“.

4 Raupe auf der Suche nach geeignetem Platz, dahinter fertiger und fast fertiger Kokon

Dafür biete ich den Raupen dann zusätzlich ein Geflecht aus den abgeernteten Maulbeerzweigen an. Bemerke ich es rechtzeitig, kann ich sie auch wieder zum „Hochhaus“ setzen.5 Zimmer frei

Hat sie bereits begonnen sich fest zu spinnen lasse ich ihr ihren Willen und pflücke den Kokon später ab.
Haben sie endlich ein ihnen genehmes Plätzchen gefunden, beginnen sie zuerst Haltefäden zu spinnen, in denen sie dann den Kokon in einer Endlos-8 zentrieren.

6 Raupe legt Haltefäden für ihren Kokon an
Zu Beginn ist die Raupe noch gut sichtbar und man kann ihre rotierenden Bewegungen noch lange beobachten, bis der Kokon zu einem festen undurchsichtigen Schutzmantel für die Metamorphose der Raupe zur Larve und dann zum Schmetterling gesponnen ist. 7 Raupe im noch transparenten Kokon 8 Raupe spinnt ihren Kokon

Bis der Kokon fertig ist dauert es 2 – 3 Tage. 9 Hoch hinaus

Der Seidenfaden, den sie bis dann gesponnen hat, hat eine Länge von bis zu 3 km! Er ist jedoch so fein, dass man ca. 3000 Kokons braucht um genug Material, z. B. für ein Kleid, zu bekommen. Dafür fressen diese Raupen ungefähr zwei ganze Maulbeerbäume leer! Meine beiden kleinen Bäumchen haben gerade so für meine kleine Population von ca. 400 Raupen gereicht!
Um den Faden abwickeln zu können dürfen die Schmetterlinge jedoch nicht schlüpfen, da sonst ein Loch im Kokon entsteht und der Faden somit in kürzere Stücke zerlegt wird. Um das Schlüpfen zu vermeiden werden die Kokons auf ca. 80°C erhitzt wodurch die Larven abgetötet werden.

Da ich die Kokons aus meiner Zucht nicht zur Fadenproduktion benötige, sondern eher Hankys, Silksheets oder Anderes daraus mache, dürfen viele der Schmetterlinge schlüpfen, denn es ist unglaublich spannend den gesamten Kreislauf des Wachstumsprozesses, das Wachsen der Raupe, das Einspinnen, das Schlüpfen, das Paaren bis hin zur Eiablage, zu beobachten.10 frisch geschlüpfter Seidenraupenfalter 11 Seidenfalter bei Paarung 11b Falter bei der Paarung 12 Seidenfalter bei der Eiablage
Die Schmetterlinge leben einzig für die Fortpflanzung. Sie fressen nichts. Die Männchen sterben kurz nach der Paarung und die Weibchen nach der Eiablage. Sie legen bis zu 400 Eier!