19. Dezember

Heute nimmt euch Katja Hannig mit zu einem ganz außergewöhnlichen Adventskalender in Holzmaden!

Idee und Hintergrund

Die evangelische Kirche in Holzmaden hat in diesem Jahr dazu aufgerufen Adventsfenster zu gestalten. Tatsächlich haben sich in unserem kleinen Ort 24 Familien und Institutionen gefunden die nun in der Zeit von 17 bis 22 Uhr und jeden Tag eines mehr, ein Fenster und damit den Ort erhellen.

Das Fenster symbolisiert für mich eine Barriere zwischen drinnen und draußen. Gerade in der aktuellen Zeit wird diese stärker denn je wahrgenommen. Bis wohin geht mein privater Raum, meine Komfortzone, mein Sicherheitsbereich und wo beginnt der „öffentliche Raum“? Dabei ist der Blick nach vorne in die Weite des Draußens und des Kommenden der Wichtigste.

Der Fünfstern ist schon seit Jahrhunderten ein wichtiges Symbol für die Menschheit. Es möge jedem frei stehen ihn ihm zu sehen, was er möchte.

Schon seit einiger Zeit sind Spiralen aus meinen Filzwerken nicht mehr wegzudenken und daher in allen meinen aktuellen Werken zu finden. Zunächst inspiriert von Hundertwasser hat die Spirale meinen derzeitigen Stil stark geprägt.

Material: Selbstgefärbte, feine Merinowolle (18 mic) und Wollkügelchen für die Sterne. Merino-Seidemischung für die Wollvorhänge und 2 Bahnen Pongeseide für den Sichtvorhang. Das Fenster ist ein altes aus unserem Haus und auf einen roten Holzrahmen geschraubt.

Installation Frei stehend

15. Dezember

Kerstin Scherr gestaltet Oberflächen auf ganz aufregende Art und Weise. Mich hat fasziniert, wie sauber diese Kreise voneinader abgegrenzt sind. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich fasziniert es immer sehr, wenn Konturen klar zu erkennen sind. Eine hauchdünne schwarze Linie, die ein Muster umschließt macht es so viel sichtbarer, prägnanter manchmal sogar plastischer. Kerstin spielt mit den Linien und “Umrandungen”.

Es drängt sich die Frage auf, wer hier wohl seine Kreise zieht und ob diese Grenzziehung eher künstlerischer Ausdruck, Schutz oder Abgrenzung bedeuten will. Zunächst sind Muster Muster. Zunächst ist ein Kreis ein Kreis und ein Trapez etwas mit 4 Seiten. Doch gerade beim Filzen wird mir das immer wieder bewußt, ohne Linie, ohne Kante kein Muster. Ob diese Abgrenzung unbedingt schwarz sein muss? Nein, muss sie nicht. Doch Abgrenzung gibt dem Auge Halt und hilft bei der Orientierung. Selbst in einem Farbenmeer sind die Übergänge sichtbar und automatisch sucht unser Gehirn die Grenze zwischen den Regenbogenfarben. Auch unsere Haut grenzt uns ab, Kleidung trennt uns von dem Außen. Grenzen sind scheinbar überall im Alltag. Ohne Abgrenzungen auf der Fahrbahn ist Verkehrsteilnehmerinnen nie so ganz wohl, Linien helfen eben “in der Spur” zu bleiben.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum wir glauben, Grenzen beschützen uns und sicherten unseren eigenen Raum. Ich für meinen Teil ziehe lieber Linien im Filz als Grenzzäune zu bauen.

14. Dezember

Ähnlich und doch nicht gleich, verwandt und doch ganz eigenständig – die beiden Böckchen von Meike Raßbach sehen auf den ersten Blick aus, als seien sie sich nicht grün. Doch das sieht bestimmt nur so aus. Sie stammen nämlich voneinander ab – oder sie sind aus dem gleichen Holz – nein Filz – geschnitzt…

Meike Raßbach hat sich eine uralte Technik zu eigen gemacht und spielt mit neuen Mustern. Das etwas Neues aus Altem entstehen kann, dass wir traditionelle Techniken, Rezepte und Materialien in unsere Zeit holen, vielleicht anpassen oder neu interpretieren, das ist ja wahrlich kein Geheimnis.

Vielleicht berühren mich die beiden Köpfchen deshalb so sehr, weil uns viel zu oft entgeht, dass wir nicht aus der Zeit gefallen sind. Wir stecken im Kontinuum, wir nehmen, ohne es zu registrieren, Worte unserer Großeltern in den Mund, kochen nach Rezepten wie unsere Mütter es taten und sogar unsere Gesten sind ein Erbe unserer Vorfahren. Natürlich ist all das in jedem von uns neu zusammengesetzt, wird unterschiedlich eingesetzt und mit der Zeit werden wir dann selbst zum Anker für die nächste Generation. Wissen, Kenntnisse und Haltungen fallen uns modernen Menschen also nicht in den Schoß, sie haben ihre Wurzeln immer in der Vergangenheit. Ab und zu etwas Bescheidenheit stünde uns deshalb nicht schlecht an.

12. Dezember

Dagmar Natuschka hat die vier dabei erwischt, wie sie total interessiert auf der Ofenbank sitzen und warten. Auf was warten die Herrschaften eigentlich? Ihr denkt sicher, sie warten aufs Christkind. Tja, ihr Lieben, da müsst ihr noch genau 12 Tage warten. Ihr habt ja noch Glück, ihr sitzt auf dem warmen Ofen und habt einander. Ihr könnt einander Geschichten erzählen, euch an den Händen fassen, miteinander lachen und vielleicht sogar miteinander weinen. Warten will gelernt sein, denn es ist so wichtig heut zu Tage. Wir warten ja nicht nur aufs Christkind, wir warten auf Post, auf der Post, wir warten auf einen Anruf oder eine Antwortmail. Warten muss man oft auch auf Behördentermine und vor allem in Arztpraxen kann man das Warten hervorragend üben. (Hier denk ich manchmal es gehört zum Heilungsvorgang, – wer nicht genug gewartet hat, der kann nicht gesund werden…) Warten scheint wirklich eine Kulturtechnik zu sein, so wie Lesen, Schreiben, Rechnen. Also jedenfalls wird erwartet, dass du klaglos warten kannst… Ich weiß ja nicht so recht.

Wir warten auch manchmal auf ein Lächeln, auf eine Umarmung oder ein liebes Wort. Wir warten darauf, dass uns ein lieber Mensch anruft und denken im Stillen, wenn wir demjenigen wichtig genug wären, würde er sich sicher melden. Solche Selbst-Verunsicherungen trüben uns den Blick und machen uns so müde. Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen wir ganz viel Einfluss auf die Zeitdauer des Wartens haben, aber in all diesen Fällen schon.

Lächle einfach und ruf an, nimm den Menschen neben Dir in den Arm und sag ein paar freundliche Worte. Du verleihst dem Augenblick Bedeutung – nicht das Warten!

2. Dezember

Gestern hat es in einige Teilen Deutschlands und bestimmt auch in unseren südlichen Nachbarländern geschneit. Fast alle warten darauf, denn ohne Schnee kein Winter.  Die Kinder würden gerne Schneemänner bauen oder Schlitten fahren, Schneebälle formen und viele träumen von den sportlichen Stunden auf der Skipiste. Bis in unser Liedgut hat er es geschafft, dieser unschuldig weißglitzernde Aggregatszustand von Wasser.

Schnee hat etwas Magisches. Auch wenn ihn die Autofahrer eher fürchten, auch sie können dem Zauber sonniger Schneelandschaften nicht widerstehen. Wir träumen uns ins Reich der Schneekönigin, erleben in Gedanken schon eine romantische Schlittenfahrt, natürlich von Pferden gezogen, begleitet vom Glöckchenklang. Eingemummelt in eine warme Decke liegen wir in der Sonne und genießen den Blick über verschneite Berge…

Es gibt solche Dinge oder Ereignisse im Leben, bei denen unsere Fantasie mit uns durchgeht, wir ins Schwärmen oder ins Träumen geraten. Meist sind die einst äußeren Reize ganz tief in unsere Seele eingedrungen, haben es sich in unserem Bewusstsein gemütlich gemacht und fangen dort an ganz persönlichen Glitzer über das jetzt „Innere“ zu streuen. Plätzchenduft, besondere Musikstücke, ein bestimmtes Buch, eine Landschaft, die wir bereist haben oder ein Mensch, der uns wirklich tief berührt hat, hinterlassen wunderbare Erinnerungen und wecken die Hoffnung auf mehr – auf die Wiederkehr des Glücksgefühls.

Wie gut, dass wir für so viele Glücksmomente selbst den Schlüssel zur inneren Kammer in der Hand halten. Ich wäre schon neugierig, welche Kammer ihr gerne mal wieder öffnen wollt und wie wenig zu diesem Glück gebraucht wird.

Christine Rusch, die dieses zarte Adventslicht gefilzt hat, die hatte schon Schnee in diesem Winter. Hab Dank, Christine, für diese natürliche schneenahe Zartheit!