22. Dezember

Yasmin Groß hat Schafe und diese Schafe liefern Wolle, die Yasmin Groß dann verarbeitet. Das klingt erst einmal normal, es hat fast etwas Selbstverständliches. So selbstverständlich ist das aber gar nicht, denn die meisten Filzerinnen beziehen ihre Wolle von Händlern. Fertig “zubereitet”, gefärbt gekämmt und abgepackt. Daran ist weder etwas Ungebührliches noch ist es verwerflich.

Wir können nicht alles können und für so manchen Arbeitsschritt fehlt einem der Raum oder die Zeit. Wolle ist nicht gleich Wolle und deshalb ist es auch immer gut, wenn man für verschiedene Projekte verschiedene Wollsorten zur Verfügung hat, sie aus aller Welt beziehen kann. Unsere Lieferanten leben von Island bis Feuerland und von Lüneburg bis nach Afrika und noch weiter. Jede Rasse braucht anderes Klima und anderes Futter. Also macht es Sinn, sich gut auszusuchen, was zu einem passt oder zum geplanten Werk gut ansteht.  

Es ist ja nicht nur bei der Wolle so, wir leben in einer Welt der Arbeitsteilung und des weltweiten Vertriebs. Das bringt Vielfalt und eine Menge anderer Vorteile – und es schafft Abhängigkeiten und manchmal sogar unsinniges hin und her Transportieren.  Was mich viel mehr bewegt, ist der verlorengegangene Respekt. Wir sehen oft weder die Arbeit noch die Anstrengungen für Mensch, Tier und Natur. Wir nehmen bei einer Holzleiste, die wir im Baumarkt kaufen, überhaupt nicht mehr, wie, wo und wie lange der Baum wachsen musste. Wir ahnen ni8chts von dem Stress, den das Fällen der Bäume bereitet, welche Arbeitsschritte notwendig sind, um uns mit einer Leiste zu versorgen. Vom Frühstücksbrötchen bis zum Schlafanzug, vom Computerbildschirm bis zur Milch. Wir nehmen so vieles als selbstverständlich an und verlieren langsam die Wertschätzung aus den Augen.

Eine gute Freundin hat sich auf einem Hof vom Scheren der Schafe bis zum Filzen und Spinnen der Garne eine Woche lang durch die Herstellungsschritte gearbeitet. Sie war so begeistert und bereichert – vielleicht sollten wir alle uns wieder mehr auf die Ursprünge besinnen.  Es könnte den Respekt stärken.  

1 Gedanke zu „22. Dezember“

  1. Ich finde, das das Wort „Respekt „ in unserer Zeit an seiner wahren Bedeutung Einiges verloren hat. Viele Menschen wissen nicht mehr, was Respekt genau bedeutet. Ich glaube, dass dieses Wort wieder neu definiert und mit Sinn befüllt werden muss.
    Jeden Tag stehen bei uns in der Kita Eltern in der Tür, um ihre Kinder für die nächsten 8-10 Stunden in die Betreuung zu geben. Wenigen gelingt es freundlich, in die Augen schauend, fröhlich, also mit Respekt, entgegen zu treten. Manche schaffen es nicht mal „guten Morgen „ über die Lippen zu bringen. Ich glaube nicht, dass es Ihnen in dem Moment bewusst ist, dass sie mich als Mensch und Pädagogin völlig respektlos behandeln.
    Als Filzerin empfange ich ,aber auch oft vorwurfsvolle Blicke oder „rollende Augen“,wenn ich den Verkaufspreis von meinen Werken mitteile. Keine fragt , wieviele Stunden ich dran gearbeitet habe und was in meinem „Können“ alles an Erfahrung,Investitionen, Herzblut und mehr steckt.
    Ich finde es wichtig, dass wir uns solchen Themen, dank Susanne, widmen können. Denn Jeder von uns verdient Respekt-auf Anerkennung, Bewunderung beruhende Achtung. (So steht es zumindest im Wörterbuch).
    Mit herzlichen Grüßen
    Valentina Kehl

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