Der sagenhafte Stoff: Seide

Satin, Brokat, Organza, Georgette, Pongée, Chiffon … Seidenfasern in Seifen zur Unterstützung der Griffigkeit, als Pulver in Kosmetika und vieles mehr. Wir tragen sie, wir stricken und weben mit Seide, wir filzen sie ein – wir benutzen sie auf vielfältigste Weise, jedoch wo kommt sie her und wie entsteht sie?

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Seide entsteht aus dem feinen Faden, mit der sich die Seidenraupe einspinnt. Seidenfasern haben manche mit der Wolle vergleichbare Eigenschaften: Wärmend im Winter sind sie eine strapazierfähig Proteinfaser, die ebenfalls bis zu 30% ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen kann, darüber hinaus auch noch herrlich kühlend im Sommer, sehr leicht und extrem belastbar.

Einzig „Crêpe de Chine“ gibt einen Hinweis auf ein Ursprungsland der Seide. Archäologische Funde belegen, dass auch entlang des Indus bereits 2800 v. Chr. Seide gewonnen wurde. Dabei handelte es sich jedoch um eine Rohseide.
Von verschiedenen wildlebenden Seidenspinnern wird auch heute noch Seide gewonnen. Der Atlasspinner ist der größte unter ihnen, aus seinen Kokons wird die“ Fagara-Seide“ hergestellt, „Eri-Seide“ aus den Kokons des Götterbaumspinners, „Tussah-Seide“ (Wildseide) kommt vom Eichenbaumspinner und „Muga-Seide“ – die goldene – kommt vom Mugaseidenspinner, den es einzig in der Gegend von Assam gibt, denn nur dort wächst „sein“ Baum: der Soalu Baum.

1a Seidenfalter
Den Chinesen gelang es jedoch den Maulbeerseidenspinner (Bombyx mori)  zu domestizieren und dadurch eine wesentlich effektivere Seidenproduktion zu erreichen. So wurde die chinesische Seide zum begehrten Handelsgut und das Geheimnis der Zucht war streng geheim. Es war bei Todesstrafe verboten, die Raupen oder ihre Eier außer Landes zu bringen. Aber Werkspionage gab es bereits im Mittelalter: so soll es zwei persische Mönche um das Jahr 550 herum gelungen sein, Eier in ihren ausgehölten Pilgerstäben nach Konstantinopel zu schmuggeln. Zu allen Zeiten haben Herrscher verschiedenster Länder immer wieder versucht ihre eigene Seidenproduktion zu betreiben. So entstanden überall dort auch Maulbeerplantagen, da sich der Bombyx mori ausschließlich von den Blättern dieses Baumes ernährt. In Deutschland z. B. finden sich noch heute Überreste von Maulbeerbaumplantagen von Brandenburg (im 17. Jh. Erstmals durch Friedrich Wilhelm I. kultiviert) bis nach Baden-Württemberg (in Mannheim die Maulbeerinsel aus der Zeit der Großherzogin Stephanie von Baden (1789-1860), oder die Maulbeerallee in Aalen aus der Hitlerzeit).

Doch woher kommt meine eigene Faszination für Seide?
Im Jahr 2000 besuchte ich Renate Maile-Moskovitz in Washington D.C. Als wir ihre Küche betraten stand dort zu meinem Befremden ein Kistchen mit grünen Blättern auf denen fette weiße Würmer wuselten.

2 Ein Kistchen voller Würmer

Schnell wurde ich belehrt, dass es sich hierbei nicht um Delikatessen sondern um Seidenraupen handelt. Kein Wunder, dass sie auf Englisch „Silkworms“ – Seidenwürmer und nicht Seidenraupen heißen. Auf meine Frage hin begann Renate zu erzählen und vieles, was ich heute über die Gewinnung der Seidenfasern weiß, weiß ich von ihr. Darüber hinaus stammen auch die beiden Maulbeerbäume in meinem Garten für meine eigene kleine Zucht von Renate.

Heute weiß ich, dass die Raupen immer brav dort bleiben, wo sie Maulbeerblätter zu fressen bekommen und sich nicht selbstständig auf Nahrungssuche begeben. 3 Frischgeschlüpfte Raupen auf ihrem Weg zu den ersten Maulbeerblättern.

Das macht sie auch so perfekt für mich als Haustier für einen Monat. Heute stehen meine eigenen Kistchen irgendwo, wo eben gerade Platz ist, bis sich die Raupen dick- und rundgefuttert haben. Das dauert 4 -5 Wochen. Sie sind dann ungefähr fingerdick und fingerlang und wiegen das 10 000fache ihres Anfangsgewichtes.
Dann hören sie einfach auf zu fressen und suchen sich einen Platz, an dem sie sich gut einspinnen können (meist biete ich ihnen dafür Klorollen an, die sich wunderbar zu „Hochhäusern“ stapeln lassen). 3b Kistchen mit Hochhaus

Während dieser Zeit versuche ich auch viel da zu sein, da hin und wieder eine „auswandert“.

4 Raupe auf der Suche nach geeignetem Platz, dahinter fertiger und fast fertiger Kokon

Dafür biete ich den Raupen dann zusätzlich ein Geflecht aus den abgeernteten Maulbeerzweigen an. Bemerke ich es rechtzeitig, kann ich sie auch wieder zum „Hochhaus“ setzen.5 Zimmer frei

Hat sie bereits begonnen sich fest zu spinnen lasse ich ihr ihren Willen und pflücke den Kokon später ab.
Haben sie endlich ein ihnen genehmes Plätzchen gefunden, beginnen sie zuerst Haltefäden zu spinnen, in denen sie dann den Kokon in einer Endlos-8 zentrieren.

6 Raupe legt Haltefäden für ihren Kokon an
Zu Beginn ist die Raupe noch gut sichtbar und man kann ihre rotierenden Bewegungen noch lange beobachten, bis der Kokon zu einem festen undurchsichtigen Schutzmantel für die Metamorphose der Raupe zur Larve und dann zum Schmetterling gesponnen ist. 7 Raupe im noch transparenten Kokon 8 Raupe spinnt ihren Kokon

Bis der Kokon fertig ist dauert es 2 – 3 Tage. 9 Hoch hinaus

Der Seidenfaden, den sie bis dann gesponnen hat, hat eine Länge von bis zu 3 km! Er ist jedoch so fein, dass man ca. 3000 Kokons braucht um genug Material, z. B. für ein Kleid, zu bekommen. Dafür fressen diese Raupen ungefähr zwei ganze Maulbeerbäume leer! Meine beiden kleinen Bäumchen haben gerade so für meine kleine Population von ca. 400 Raupen gereicht!
Um den Faden abwickeln zu können dürfen die Schmetterlinge jedoch nicht schlüpfen, da sonst ein Loch im Kokon entsteht und der Faden somit in kürzere Stücke zerlegt wird. Um das Schlüpfen zu vermeiden werden die Kokons auf ca. 80°C erhitzt wodurch die Larven abgetötet werden.

Da ich die Kokons aus meiner Zucht nicht zur Fadenproduktion benötige, sondern eher Hankys, Silksheets oder Anderes daraus mache, dürfen viele der Schmetterlinge schlüpfen, denn es ist unglaublich spannend den gesamten Kreislauf des Wachstumsprozesses, das Wachsen der Raupe, das Einspinnen, das Schlüpfen, das Paaren bis hin zur Eiablage, zu beobachten.10 frisch geschlüpfter Seidenraupenfalter 11 Seidenfalter bei Paarung 11b Falter bei der Paarung 12 Seidenfalter bei der Eiablage
Die Schmetterlinge leben einzig für die Fortpflanzung. Sie fressen nichts. Die Männchen sterben kurz nach der Paarung und die Weibchen nach der Eiablage. Sie legen bis zu 400 Eier!

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